Dem Alzheimer-Forscher Sylvain Lesne wird Betrug vorgeworfen

Frankfurt Als Sylvain Lesny vor 16 Jahren in der Fachzeitschrift Nature eine von der Kritik gefeierte Studie über eine mögliche Hauptursache der Alzheimer-Krankheit veröffentlichte, war der Erstautor erst 32 Jahre alt. Seine Arbeit wird in der Fachwelt seit Jahren als Beleg für die These angeführt, dass Proteinablagerungen für die tödliche Krankheit verantwortlich sind.

Nun mehren sich die Hinweise, dass der französische Neurowissenschaftler seine Publikation manipuliert hat: Sein Fall erschüttert seit einigen Tagen die medizinische Wissenschaft.

Nur inwieweit Lesny der gesamten Alzheimer-Forschung geschadet hat, wird nicht diskutiert. Die Frage ist auch, ob seine Arbeit zu milliardenschweren Fehlinvestitionen in einen Forschungsansatz geführt hat, der noch keine wirksamen Medikamente hervorgebracht hat. So sagt es zumindest das Wissenschaftsmagazin. Das Magazin enthüllte alles.

In einer Forschungsarbeit aus dem Jahr 2006 stellte der 1974 geborene Lesny ein Protein namens Abeta*56 als eine der Ursachen der Alzheimer-Demenz vor. Die Studie des seit 2002 an der University of Minnesota tätigen Biochemikers ging auf die damals vorherrschende Hypothese ein, dass Proteinablagerungen – sogenannte Amyloid-Plaques – für Hirnerkrankungen bei Alzheimer-Demenz verantwortlich sein könnten.

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Dies wurde in der Studie mit einer Reihe von Aufnahmen dokumentiert, die Proteinablagerungen im Gehirn der Studienteilnehmer zeigten. Womöglich waren die Aufnahmen gefälscht, wie das Fachmagazin „Science“ Ende Juli mitteilte. Laut der Website „Science“ sollen mehr als 20 französische Publikationen manipulierte Bilder enthalten haben.

Die „Amyloid-Mafia“ hat andere Forschungsmethoden an den Rand gedrängt

Der Neurowissenschaftler Matthew Schrag hat letztes Jahr den Stein ins Rollen gebracht. Dabei stieß er auf Ungereimtheiten in den Illustrationen von Lesnys Werken. Schrag wandte sich an “Science”, die mehr als sechs Monate mit Expertenunterstützung recherchiert hat und nun schwere Vorwürfe gegen Lesné erhebt.

Wenn dies bestätigt würde, müsste Lesnie einfach nicht antworten. Auch Moderatoren, Co-Autoren und die Zeitschriften, die die Artikel veröffentlicht haben, sollten sich fragen, warum die Manipulationen nicht aufgefallen sind.

„Es ist niederschmetternd zu erkennen, dass ein ehemaliger Mitarbeiter mich und die wissenschaftliche Gemeinschaft in Bezug auf die Bildbearbeitung in die Irre geführt hat“, schrieb Karen Ash, Co-Autorin und Leiterin von Lesny, auf der Online-Plattform Alzforum. Ash sagte, die University of Minnesota habe eine Untersuchung gegen Lesny eingeleitet.

>> Lesen Sie hier: Neue Medikamente: Die Pharmaindustrie nutzt künstliche Intelligenz für die Arzneimittelforschung

Gleichzeitig wehrt sich die Wissenschaftlerin jedoch gegen den von „Wissenschaft“ implizit erhobenen Vorwurf: Demnach hätten Forschungsarbeiten zu Abeta*56 eine Reihe letztlich falsch informierter Arzneimittelstudien begünstigt, die auf den Wirkmechanismus von Amyloid, konkret Thesen, abzielen Eiweißablagerungen befinden sich im Gehirn. Laut Ash gibt es keine klinischen Studien, die sich speziell mit diesem Molekül befasst haben.

Science argumentierte, dass Lesnés Arbeit dazu beigetragen habe, die Amyloid-Hypothese bei der Entwicklung neuer Medikamente zu stärken. Etwa die Hälfte der Mittel für Alzheimer-Patienten fließt in solche Projekte. Wissenschaftler, die sich mit anderen möglichen Ursachen der Alzheimer-Krankheit wie Immunerkrankungen oder Infektionen befassen, beklagen ihre Ausgrenzung durch die “Amyloid-Mafia”.

Die Alzheimer-Krankheit ist nach wie vor unheilbar

Bisherige Medikamente, die auf Plaques abzielen, haben sich jedoch noch nicht als wirksam erwiesen. Nicht einmal Aduhelm, der letztes Jahr zugelassen wurde Biogen. Obwohl es in zwei Hauptstudien zu widersprüchlichen Ergebnissen hinsichtlich der Wirksamkeit geführt hat, wurde es von der US-Regulierungsbehörde zugelassen. Inzwischen hat Biogen das Medikament vom europäischen Markt genommen.

Dies zeigt, wie hoch der Behandlungsnotstand bei der Alzheimer-Krankheit ist, von der weltweit mehr als 30 Millionen Menschen betroffen sind. Bis heute gibt es kein Medikament, das die Krankheit heilen kann.

Die letzten Zulassungen in diesem Bereich erfolgten um die Jahrtausendwende. Damals eingeführte Wirkstoffe wie Donepezil des amerikanischen Konzerns Pfizer Oder Memantine vom Pharmaunternehmen Merz in Frankfurt zielt nur auf die Symptome der Krankheit ab und greift nicht die Ursache an.

Lisnes Arbeit über Amyloid war in der Alzheimer-Forschung nicht schlüssig

Allerdings haben verschiedene Gelehrte die Rolle von Lisnis Arbeit in der Alzheimer-Forschung relativiert. “Ich hatte vor dem Skandal noch nie von Lesny gehört”, sagte der Alzheimer-Forscher Giovanni Fresoni vom Zentrum für Neurowissenschaften der Universität Genf der Neuen Zürcher Zeitung. Sein Kollege Robert Bernecicki von der Universität München stimmt zu, dass “Lesnys Arbeit keineswegs entscheidend ist”. Beide behaupten, dass Untersuchungen des Moleküls Lesné Abeta*56 nicht die wichtigste Grundlage für pharmakologische Entwicklungen in den letzten Jahren gewesen seien.

Auch Neurowissenschaftler Matthias Joker, Professor und Direktor des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung an der Universität Tübingen, kommentiert Alzforum: „Die Implikationen des ‚Science‘-Artikels sind übertrieben.“ Das Papier von Lesny/Ashe hat weit weniger Einfluss auf die Richtung in der Forschung, als es in der “Wissenschaft” erforderlich ist. „Ich glaube nicht, dass sich das Forschungsgebiet ohne Lesnys Arbeit anders entwickelt hätte“, sagt Joker.

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Erstausgabe: 22.8. / 17:55 Uhr

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