Finnland: Atomlager mit unklaren Spuren

Viele Länder, die Kernkraftwerke betreiben, wie die Vereinigten Staaten und Russland, sitzen möglicherweise immer noch auf dem Erbe ihres nuklearen Arsenals und kämpfen mit dem Problem: Was tun damit? Das Grundproblem ist immer das gleiche: Endlager müssen sicherstellen können, dass hochriskante Abfälle nicht nach mehreren Generationen zur Gefahr werden.

Finnland ist der erste Betreiber – derzeit insgesamt zweier Anlagen – von Kernkraft, der ein tiefes unterirdisches Endlager in einem Grundgestein aus den ersten vier Milliarden Jahren der Erdgeschichte fertigstellt. Experten halten diese Methode der Atommülllagerung für die sicherste, die bisher bekannt ist. Das britische Magazin „The Economist“ hat kürzlich einen ausführlichen Artikel über das Repositorium verfasst.

Eine felsige “Höhle”, die Milliarden Jahre alt ist

Das Camp heißt Onkalo („Höhle“) und liegt auf der kleinen Insel Olkiluoto an der Westküste des Landes. Die Insel ist nur durch eine sehr schmale Meerenge mit dem Festland verbunden. Das Enddepot befindet sich in einer Tiefe von 500 Metern, die erste Ausbaustufe wurde laut British Business Journal im Juni abgeschlossen.

Reuters/Litkova

Das Kupfergehäuse schützt den gefährlichen Inhalt vor Umwelteinflüssen

Derzeit gibt es fünf parallele Tunnel, die jeweils 350 Meter tief in einer Granitschicht liegen. In den kommenden Jahrzehnten könnten bei Bedarf weitere ausgegraben werden, während die alten nacheinander verfüllt und mit Beton versiegelt würden, um ihren radioaktiven Inhalt wie einen Sarkophag einzuschließen. Am Ende könnte ein unterirdisches „Labyrinth“ aus mehr als 100 Tunneln entstehen.

Insgesamt 33 Länder haben bisher Kernkraftwerke betrieben, andere planen dies, und die Betreibernationen haben verschiedene Pläne, die vom Ausstieg bis zum Ausbau reichen. Mit der aktuellen Erdgaskrise ist die Nuklearindustrie wieder in Aufruhr. In Deutschland wird beispielsweise dafür gestimmt, den Atomwaffenausstieg zum Jahresende zu verschieben, was in der Praxis eine Konstante zu sein scheint.

Dauernd tickende Bombe

Abgesehen davon: Abfälle aus Kernkraftwerken sind hochradioaktiver Abfall, Brennstäbe haben eine Temperatur von mehreren hundert Grad und müssen zunächst jahrelang in Abkühlbecken (Zerstäubungsbecken) zwischengelagert werden. Einige Radionuklide haben Halbwertszeiten von Hunderttausenden von Jahren. Viele Länder betreiben inzwischen Endlager für hochradioaktive Abfälle, zum Beispiel in Tiefbohrungen, allen voran die USA und Russland. Onkalo ist das erste verifizierte Beispiel für tiefe Geolokalisierung.

Lange Zeit wurden schwach- und mittelradioaktive Abfälle aus dem Kernkraftwerk Olkiluoto an den Standort des gleichnamigen Endlagers verbracht. Finnland betreibt derzeit zwei Kernkraftwerke: Neben Olkiluoto gibt es noch Loviisa im Südosten des Landes. Ein drittes Bauprojekt, das unter russischer Beteiligung konzipiert wurde, ist seit Jahren eingestellt.

100 Jahre später wurde die „Höhle“ geschlossen

Erste Pläne zum Bau des Depots gab es bereits in den 1980er Jahren, Baubeginn war 2004. Die ersten Brennstäbe sollen 2024 oder spätestens 2025 eingelagert werden. Die Betriebserlaubnis beträgt 100 Jahre, in dieser Zeit sind die 3.000 Kanister mit Brennstäben, die in der „Höhle“ verwendet wurden, verschwunden – für immer, wenn sie vollständig verschlossen sind. Nach damaligen Angaben wurden für den Bau der Lagerhalle rund 3,5 Milliarden Euro kalkuliert. Betreiber ist Posiva, ein Joint Venture der finnischen Kernkraftwerksbetreiber Teollisuuden Voima und Fortum.

Die radioaktive Substanz wird zuerst in gusseiserne Dosen und dann in einen Kupfermantel gefüllt, um Korrosion zu verhindern. Die Behälter werden gefüllt, und dann gehen die Kammern in den Felsen tief in die Erde. Alles ist vollautomatisch. Die Zeitung „Economist“ berichtete unter Berufung auf den Betreiber Busiva, dass der Probebetrieb im kommenden Jahr beginnen werde. Finnland spielt eine führende Rolle, aber mit dem Lager in Forsmark hinkt das benachbarte Schweden nur wenige Jahre hinterher. Sie befindet sich in ähnlicher Bauweise im Felsen unter der Ostsee und soll 2025 in Betrieb gehen.

Alle Spuren müssen gelöscht werden

Im Falle einer Konzentration in tiefen geologischen Schichten müssen in Olkiluoto und Forsmark bestimmte Grundvoraussetzungen, hauptsächlich geologischer Natur, auf unterschiedliche Weise erfüllt werden, wie The Economist detailliert ausführt. Als der Tunnel mit Spezialbeton abgedichtet ist, sagt er: „Gute Nacht, wachsen Sie gut.“ Kein Naturereignis wird – so hoffen wir – zu einer Katastrophe führen, und kein “Abenteurer” des “schlafenden Schreckens” wird tief unter der Erde zu Lügen, die erwachen können.

Die Kapsel mit Atommüll wird in den Tunnel des Onkalo-Depots transportiert

Reuters/Litkova

Probelauf: Geschlossene Behälter, Dosen genannt, verschwinden in Tunneln

Nach Ablauf der Laufzeit soll das Lager so verschlossen werden, dass niemand es finden kann, und alle Spuren auf der Erdoberfläche verschwinden. Der Hintergedanke: Das Lager verschwinden lassen, statt es zu markieren und dem Fremden einen Anlass zu geben, nachzuforschen, schrieb die britische Zeitung. Nur der finnische Staat, dem dann die Verantwortung für die Tunnel übertragen wird, weiß dann noch, was drin ist.

Proteste und Probleme

Repository kann nie ganz sicher sein, darüber herrscht Einigkeit. Wie lange das dauert und wann etwas passieren kann, die Fragen variieren. Dies war auch in Finnland der Fall. Der Economist bestätigte schließlich, dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter der „Höhle“ stehe. Es habe “50 Jahre Vertrauensbildung” gedauert, sagte der Betreiber. Nur ein Grund, “warum Finnland bald ein Atomdepot haben wird – und wir nicht”, schrieb der deutsche Spiegel im Januar. Weitere Gründe sind starke wissenschaftliche und damit Sicherheitsbedenken.

Deutschland kämpft seit Jahrzehnten mit der Stauproblematik und Protesten gegen Projekte, die bekanntesten davon sind wohl Gorleben (Stichwort: Castor-Transporte) und Schacht Konrad, beide in Niedersachsen. In den USA sind Pläne zur Errichtung eines Lagers in Yucca Mountain in der Mojave-Wüste in Nevada seit Jahren umstritten. Es gibt ernsthafte Sicherheitsbedenken und Proteste wurden gegen den Bau gerichtet, weil Yucca Mountain auf dem ursprünglichen Heiligen Land der Shoshone liegt. Endlich: Der Atommüllberg, auf dem die USA jetzt sitzen, wird dort keinen Lagerplatz mehr haben.

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