Kultur: Flughafensimulation auf der Überholspur des Bachmann-Preises

Die deutsche Autorin Leona Stallmann eröffnete den dritten Lesetag mit ihrem Text „All diese vermeidbaren Wunder“, einem Auszug aus ihrem zweiten Roman „All diese unbedeutenden Wunder“, der in wenigen Wochen bei dtv erscheinen wird. 1988 in Fulda geboren und in Stahlmann wohnhaft, wurde Stahlmann von Michael Wiederstein nach Klagenfurt eingeladen.

In einer Welt, die schrecklich erscheint, erinnert sich Lida an die Geburt ihres Kindes. „In jenem Sommer, als Lida im neunten Monat schwanger war, machten die Zeitungen zum ersten Mal Schlagzeilen über das Thermometer, das einhundertsiebenundvierzig Grad überschritt. Ich dachte, es wäre unmöglich, jetzt noch ein Kind großzuziehen. Zieh dieses Kind groß. Dann kam das Kind.“ Ihre Gedanken kreisen um dieses Kind, Zeno. „Hier bist du, mein Rattenkind, mein Vogel, gefallen aus dem verträumten Nichts und in die Unverschämtheit gefallen, jetzt musst du darüber hinwegkommen…“ Zenon ist jetzt zwölf Jahre alt und der Text schlägt weiter in Beschreibungen von Sumpflandschaften ein Fragen: Was zählt die Trauer, wenn die Welt untergeht?

Mara Dilios erhob einige Kritik an dem „interessanten und kraftvollen Text“ und vermisste unter anderem die konkrete Umsetzung der Apokalypse. „Dieser Text ist für mich das literarische Pendant zu Fast Fashion“, kritisiert Philip Tengler und ortet Kitsch: „Dieser Text beschränkt sich auf Asanas.“ – „Ich finde das Thema Erotik interessant“, sagte Insa Welk, bemängelte aber die stilistischen Ungenauigkeiten und dekorativen Silben im Text. Klaus Kastberger fand das nicht wirklich überzeugend: “Passen die immer zusammen?”

Vea Kaiser war begeistert von dem Artikel Panta Rhei und anderen mythologischen Anspielungen. „Wir haben es hier mit sechs Versuchen einer Mutter zu tun, ihrem Kind die Apokalypse zu erklären“, skizziert Michael Widdersten die Traditionen von „Klima-Fiction und Nature Writing“. Klagelieder sind kein Kitsch. Wiederstein sah, dass die Klimadebatte endlich den Bachmann-Preis erreicht hat: „Wir wissen schon lange, was zu tun ist – aber niemand tut es. Genau das kritisiert dieser Text.“ Kastberger entgegnete, dies sei kein Qualitätsbeweis. Formal sei der Text interessant, scheitere aber an der konkreten Umsetzung lange, sagt Brigitte Schwens-Harrant.

„Schulz“ heißt der Text, den der Düsseldorfer Schriftsteller und Kurator Clemens Bruno Gatzmaga, der zwölf Jahre in Wien lebte, auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant vorliest. Sein im Februar 2021 erschienener und für den ersten Preis in Österreich nominierter Debütroman Jakob träumt nicht mehr gab einen Einblick in die stressige Welt der Marketing- und Werbebranche. Auch in der Wirtschaftswissenschaft spielt der Text des Bachmann-Preises eine Rolle. Herr Schulz, ein scheinbar wichtiger Geschäftsmann, der heute morgen vor die Presse muss und von seinem ambitionierten jüngeren Kollegen unter Druck gesetzt wird, wacht morgens auf „und merkt, dass er in seine Unterwäsche gepinkelt hat“. Neben der Frage, wie es dazu kam, befürchtet er, dass seine Frau Elke seine Angst bemerken könnte. Doch plötzlich ist sein Elch nicht mehr da – und Schulze muss sich alleine auf seinen Tag vorbereiten. Der Fahrer wartet schon – und steht im Gewitter vor den Mikrofonen. Die Worte „irrtümlich“ liegen ihm auf der Zunge. Als er den Mund öffnet, ist stattdessen zu hören: „Mit allem Respekt, unser Plan ist gemacht.“

Die Folge waren hitzige Debatten in der Jury. Kastberger fand den Text “sehr originell” und faszinierend, nicht nur weil er endlich die Probleme des alten weißen Mannes ansprach, sondern weil er sich auf die kleinen Dinge konzentrierte, die Großes bewirkten: “Diese Tropfen bringen die ganze Welt zum Einsturz.” Überraschenderweise gab es diesmal eine Teilallianz mit Philip Tengler: “Im Allgemeinen finde ich das Drehbuch gut.” Michael Federstein sagte auch: “Schultz war gut!” Via Kaiser war strikt dagegen und empfahl Schulz, zu einem Urologen zu gehen. Schwens-Harrant sah „einen sehr akkurat arbeitenden Text“, und auch der Rest der Jury konnte mehr als drei Tropfen im Text entdecken.

Der nachmittägliche Lesewettbewerb endete mit zwei albernen Zukunftsgeschichten, angesiedelt zwischen Fantasy und Science Fiction. Zunächst der Soziologe Juan S. Der Text erzählt „falls der Druck nachlässt“ von der jungen Ines, die mit mehreren Wissenschaftlern, Beamten, NGO-Mitarbeitern und Journalisten in einem Basislager bei Kronberg übernachtete, wo er „ersten Kontakt“ mit „unbekleideten Menschen hatte, die anscheinend etwas Ähnliches trugen“. … für die Helme, die sie auf dem Kopf tragen.“ Sie freundet sich mit dem (echten) Dramatiker Wolfram Lutz an und wird Mitglied einer Expedition, die schließlich eine verstörende Entdeckung macht: Mitten im Taunus haben die versteckten Bewohner den Frankfurter Flughafen nachgebaut und hier den Flughafenbetrieb simuliert. Die Mission kommt ins Spiel…

Guse erhielt viel Gelächter und Applaus vom Publikum. Begeistert zeigten sich auch Via Kaiser, Insa Wilk und Klaus Kastberger: „Diese einfache Herangehensweise lässt mich mehr über die Gegenwart nachdenken als über all die Moralvorstellungen, die wir gehört haben.“ Mara Dilios betonte die vermeintliche Einfachheit des Textes, die zu extremer Tiefe führe. Michael Federstein zog einen Vergleich mit dem literarischen „Stützpunkt“ in Klagenfurt und genoss ihn. Brigitte Schwens-Harrant wandte sich nur gegen sanfte Stilkritik, während Philip Tengler „eine gewisse Einfachheit in der Sprache“ feststellte und sagte: „Es ist immer schwierig, die Gratwanderung zwischen einfach und vulgär zu gehen.“ Juan Gos wird sich wohl auf die Siegerehrung morgen freuen.

Das Finale, das auch vom Publikum gefeiert wurde, bestritt der jüngste Teilnehmer des Feldes, Autor, Musiker und Spoken-Word-Künstler aus Wien, Elias Herschel, Jahrgang 1994, eingeladen von Klaus Kastberger. Sein Text „Staublunge“ entpuppt sich als absurder Einblick in eine Welt, in der alle Infrastruktur zusammengebrochen zu sein scheint und die Wirtschaftsmodelle, die zu diesem Zusammenbruch geführt haben, geehrt werden. Der Ich-Erzähler ist mit Jonas liiert, dem Gründer des Start-ups „Same Day Crew“, einem einfachen Lieferservice mit Sitz in einer Hausruine am Rande einer ehemaligen Industriestadt, die nach dem Kohlebergbau zur Geisterstadt wurde. Ich hörte auf. Alles stürzt ein, Fahrradkuriere schlagen ausgebeutet zu, schießen und randalieren. Doch Jonas ist sich felsenfest sicher: „Das wird großartig!“ Dann tritt er auf eine verschüttete Spritze, bekommt Fieber und muss ins Krankenhaus. Die Lieferzeit, die er auf fünf Minuten reduzieren wollte, betrug am Ende 30 Minuten. Die Welt wird nicht mehr lange stillstehen.

„Ich finde das Drehbuch ziemlich mittelmäßig – und das letzte Mal, als ich das über ein Drehbuch gesagt habe, das Herr Kastburger mitgebracht hat, hat er gewonnen. Er hatte also alle Chancen“, sagte Philip Tengler in der Jury-Diskussion. “Der Text ist nicht zeitlos, aber auch nicht schlecht.” Neben Tingler haben auch Mara Delius und Vea Kaiser, die „The Wonderful Apocalypse Scenario“ toll fanden und „wahnsinnig begeistert“ waren, gewisse Dimensionen definiert. „Leicht voyeuristische Armutspornoszenen“ fand Michael Federstein im Drehbuch, was für Schwens-Harrant „sprachlich gut ankommt“.

Die Jury prämiert am Sonntag (ab 11.35 Uhr) die neun Autoren nach einem neuen Verfahren. Neben dem Bachmann-Preis (25.000 Euro) sind dies der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Quillage-Preis (10.000 Euro) und der 3. Sat-Preis (7.500 Euro). Die Jurymitglieder geben heute ihre Ergebnisse bekannt, obwohl sie selbst nicht für ihre Nominierten stimmen dürfen. Kurzfristig hat sich die Situation geändert: Jedes Jurymitglied erhält nur noch 1-4 statt 1-9 Punkte. Anschließend fügt der Rechtsberater die Ergebnisse hinzu und erstellt daraus eine Gewinnerliste. Die Werbung beginnt zuerst mit dem niedrigsten Preis. Nur bei Stimmengleichheit entscheidet die Jury wie bisher öffentlich.

Heute, zwischen 15 und 20 Uhr, war die Öffentlichkeit aufgerufen, auf bachmannpreis.ORF.at online über den BKS Bank Gesamtpreis (7.000 Euro zzgl. Stadtschreiberstipendium) abzustimmen. Von jeder E-Mail-Adresse kann nur eine Stimme abgegeben werden.

Leave a Comment

%d bloggers like this: