Picklife: Die Schlagmaschine, die glücklich macht

Alles Leben und alle Musik an einem Abend: Er war einer der letzten großen internationalen Künstler Wiens. Und es wurde zu Recht gefeiert.

Telefon Christian Fuchs

Hatte ich auch schon lange nicht mehr: Kampf der Ohrwürmer. Auf meinem gestrigen Rückweg von der Wiener Arena rasten mir verschiedene Melodien durch den Kopf. Die eingängigen Hooks, eingängigen Refrains und eine Vielzahl von Klatschrefrains versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen.

Beck Hansen war in der Stadt und es stellte sich heraus, dass es sich um eine Schlagmaschine handelte. Über hundert Minuten lang veröffentlichte der multimusikalische Kalifornier das Beste aus mehreren Jahrzehnten seiner Karriere. Songs aus den 90er und 80er Jahren, von denen einige ihre Wurzeln in den 60er, 70er und 80er Jahren haben, schlagen jede Minute in Spotifys Playlists in das Mashup ein.

„Man muss das Wort ‚Mix‘ in den Mund nehmen“, erzählte mir dann ein befreundeter Musiker fasziniert, „eigentlich ein Begriff, der auf altmodische Popstars passt. “Das klingt nach einer guten Berechnung, nach harten Trading-Berechnungen? Es ist nicht einfach, das Beck-Phänomen zu verstehen.”

Andreas Graf

Flashpix

Vor dem Konzert denke ich noch einmal nach. Zunächst so weit weg, an einem Samstag im September 1995. Als Neuling bei FM4 stieg ich in einen Wohnwagen auf dem Gelände des magischen Holzstock-Festivals in Ebensee. Vor mir sitzt er blass mit ihm Die Seltsamkeit des Charismas Es lässt andere verrückte Rock’n’Roll-Hinterbühnen (schließlich gibt es die verrückten Hinterbühnen da draußen) wie normale Bürger aussehen.

Beck hat sich an diesem Abend als toller Interviewpartner erwiesen, aber seine Nerd-Aura werde ich fast nie vergessen. Vor einem Jahr stürmte sein Song „Loser“ die Weltcharts und wurde als satirische Generation-X-Hymne beworben. In dem Gespräch will der Junge aus Los Angeles jedoch nur über die Kraft des Blues und Hip-Hop sprechen. Die Zombiebewegung und Haltung zur Verleugnung sind ihm fremd. Im Gegenteil, er sei ein Workaholic, sagt Beck schmunzelnd.

Auf der Bühne von Holzstock explodiert der schüchterne junge Mann fast in Ekstase. Gönnen Sie sich Breakdance-Moves, spielen Sie Mundharmonikas im Bob Diane-Stil und mischen Sie endlos Stile. Das hat aber nichts mit dem Crossover-Sound der 90er zu tun. Beck, das Weißbrot der Hippie-Künstlerfamilie, verbeugt sich mit Respekt und Demut vor der afroamerikanischen Basis aller Popkultur. Begriff wie offene Zivilisation Daran habe ich damals keinen Moment gedacht. Beck gibt dem Indie-Rock und der hohlen, kitschigen Welt von MTV den Mittelfinger.

Beck, Multitalent

Weitere Rückblenden. Einmal stand ich mit Beck (und den Beastie Boys) in der obersten Etage des World Trade Centers in der Warteschlange, zwei Jahre bevor die Türme fielen. Der Moment, in dem meine freiberuflichen Fotografen für immer sind. Später ein Telefoninterview, in dem wir über Disco gesprochen haben. Atemberaubendes Konzert in Oxford, bei dem Beck im Alleingang Akustikgitarre und Radiohead-Backs schlägt. Beck ist der Folksänger, der entspannte Popper, der sexy Bedroomsänger, der Multitalent, der regelmäßig mit eklektischen Sounddesigns aus Blues, Hip-Hop, Folk, Disco und Electronica bezaubert.

Und dann nach diesem Auftritt beim spanischen Primavera-Festival vor drei Wochen. Gewisse anfängliche Zweifel werde ich nicht los. Mit „Hyperspace“ lieferte Beck 2019 das einzige wirklich unterschätzte Album seiner Karriere ab, und Produzenten wie Greg Kurstin verpassten ihm einen zeitgemäßen Twist, den sie kaum vermissten. Dazu peinliche Auftritte in schlechten Filmen wie „The Circle“ oder „Bubble“.

Hat Beck seinen künstlerischen Impuls verloren, musste man sich zu Recht fragen. Aber es wird eine riesige Show in Barcelona, ​​wo ich tanzen, singen und weinen werde. verrückt. Nett. Dann folgen die Gedichte mitten in Beats-Rap-Tropicalia-Feel-Good-Wahnsinn. Ein Song aus dem Meisterwerk des Films „Eternal Sunshine Of The Spotless Mind“ bricht mir das Herz. Tränenalarm.

Mutant Beck

Gestern in Wien, in einer lauen Nacht nach dem längsten Tag des Jahres, begann er mit diesen ruhigen Nummern sein Konzert. Für begeisterte Fans sind Story-Songs aus beliebten Alben wie „Sea Change“ oder „Morning Phase“ der Höhepunkt von Becks Arbeit. Sie bilden den Gegenpol zum Überhitzungspol Humor andere Nummern. In den ersten zwanzig Minuten beweist der 52-jährige Sunny Boy mit unglaublicher Leichtigkeit, was Depressionen wirklich bedeuten.

Traurigkeit ist weder ein selbstmitleidiges Jammern noch eine sanfte Besessenheit. Düsternis ist eine glühende Kraft, die Wärme spendet. Beck schrieb Gesänge für Menschen, die sich verliebt haben oder von Einsamkeit erschüttert wurden, und ewige Lieder für gebrochene Herzen und gebrochene Freunde. Songs wie „Golden Age“, „Morning“ oder „Lost Cause“ (beide später am Set) nähern sich tief im Inneren Vorbildern wie Big Star, The Velvet Underground oder Serge Gainsbourg. Es deckt auch einen Song des legendären Künstlers Daniel Johnston ab.

Beck lacht: „Aber jetzt war ich nur meine Eröffnungsshow“, die eigentliche Show hat gerade erst begonnen. „Die Bühne ist gefüllt mit einer Band, die im Hintergrund Platz nimmt, mit Fanfaren, und die neueste Single ‚Hyperspace‘ ändert alles. Immerhin ein Star aus Las Vegas strahlt jetzt im bunten Rampenlicht, dem Song, vom Vorgänger fragwürdiges Album, geht direkt an Macher Said. „Mutations“ ist auch ein Plattenname für Beck, und ständige Wandlung treibt ihn an.

Beck lebt in Wynn

Andreas Graf

Spitze zu den Wurzeln

Das Online-Menü listet 38 Punkte auf, und ich vergesse natürlich, im Rausch die Stimmung, die Geräusche und die unglaublichen Phasenbewegungen zu zählen. Wir haben einen Rapper, der Anfang der 90er erkannte, dass Hip-Hop eine globale Sprache ist, die wir heute als universelles Esperanto hören. Beck betet bemerkenswerterweise innerlich zu afroamerikanischen Gottheiten und weiß auch, dass ohne ständige Verschmelzung und Nähe nicht einmal ein kleiner Teil der Musik zum Beispiel auf FM4 gespielt würde.

Wir nähern uns dem Postmoderner Elvis (der ständig an seine Referenzen und Arbeitsbedingungen denkt) Auch ein Disco-Fan im weißen Anzug mit weiten Hosen, genau richtig. Immer und immer wieder applaudieren Sie dem begeisterten Publikum, Sie wissen, dass es 1001 Live-Shows sind, die oft klischeehaft sind, aber bei Beck denken Sie an Gospel-Publikum und solche anrufen und antwortenRhythm-and-Blues-Ritual. Und immer wieder bricht es, hallo melancholische Melancholie, morgendliche Melancholie.

Wenn man denkt, dass im Universum von Mr. Hansens Stil nur noch klassischer Rock fehlt, betritt er die Bühne für Massenauftritte in einem hautengen schwarzen Outfit. „E-Pro“, eine süße Parodie auf Grunge auf Disc, zerstört den Boden der Arena auf stürmische, stürmische Weise. Na ja, Klassik, Volksmusik und Reggae hat Beck nicht zitiert, sonst wäre das hier eine schicke Pop-Achterbahn geworden. Mit den Beatles oder den Beach Boys oder dem Prinzen oder einem Stamm namens Quest oder den oben genannten Vorbildern als Führer.

Beck lebt in Wynn

Andreas Graf

Schließlich führt uns Beck in einem Sturm bunter Fetzen zurück zu seinen Wurzeln als Singer-Songwriter in kleinen unabhängigen Clubs. Die Mundharmonika leuchtet. “The Blues and the Gospel handelt von Gott und Satan”, sagte er mir einmal, “diese Grundspannung ist da. Egal, ob du aus dem Mississippi oder aus Österreich kommst, die Guten und die Bösen, die Ängste, die Paranoia, die Hoffnungen, die jeden berühren.“

Jedenfalls berührt es die Menge in der Arena, was für eine Leistung. Auf der U-Bahn nach Hause, mit all diesen riesigen Hooks im Kopf, wird mir auch klar: Wir wurden von einem der letzten großen internationalen Künstler geehrt, jemandem, der Popmusik vollständig versteht, der unzählige Genres überschreitet, um alles zu bekommen Leben Um es in seinem paradoxen Ganzen zu verstehen.

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